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Teil 7 - die Wende

„Tschau mitanand!“ Fadrina verabschiedet ihre letzten Postautogäste, den jungen Ganzoni mit seiner schwarzen Mopshündin Lulu. Nicht, dass sie je einen Mops gewollt hätte, aber Lulu erinnert sie schmerzhaft an Fippo, obwohl die beiden rein äusserlich so viel gemeinsam haben wie eine Engadiner Tracht mit einer Punker Kluft. Fadrina fährt sich mit der Hand über die Schweissperlen auf ihrer Stirn, für Unterengadiner Verhältnisse ist es richtig warm geworden. Zeit für die Mittagspause, der nächste Kurs startet erst in einer halben Stunde. Mit einem Seufzer verlässt sie den Bus auf dem Dorfplatz und schlendert durch die Gasse zu „Da Salvatore“, der Chef winkt ihr schon von weitem zu. „Tiramisù, Chara?“, ruft er, sie hält den Daumen hoch.

Salvatore kennt ihre ausgefallenen Gelüste zur Mittagszeit. Wenn sie nicht Dienst hat, offeriert er ihr dazu einen Limoncello, heute bleibt es beim Cappuccino. „Prego!“ Wie immer setzt sie sich auf den Brunnenrand zum Essen, eine Gewohnheit, die sie seit dem Lockdown beibehalten hat. „Pizza wäre besser, Tomaten haben wenigstens Vitamine“, sagt Salvatore, auch wie immer, und wie immer kichert sie und antwortet: „Ja, für dich.“ Sie hält ihr Gesicht in die Sonne, saugt die Wärme auf, schliesst die Augen, und sieht wieder vor sich, wie Fippo durch den Tiefschnee hopste wie ein Hase, weg von ihr und der Polizei.

Bei „Polizei“ muss sie lächeln. Riet Meier und sie, das ist eine verrückte Geschichte geworden. Aber auch eine überraschend schöne. Inzwischen weiss sie schon gar nicht mehr, wie es ohne seine täglichen Besuche bei ihr gewesen ist. In der Regel taucht er überraschend auf, vor oder nach dem Dienst, und immer hat er ein Mitbringsel dabei. Einen Martini (nach Feierabend), Gipfeli (vor Dienstantritt), einen Kopfsalat, einen speziellen Kugelschreiber von der Polizeistation... Sie lächelt wieder. Meistens kommt er unter irgendeinem Vorwand, und wenn es nur die Nachricht ist, dass er keine Neuigkeiten von Fippo hat.

Die letzte wirkliche Neuigkeit überbrachte er im Frühling: Dass die rechtsmässige Besitzerin nun eine grosse Suchaktion nach Fippo mit Hilfe der Polizei starten wolle. Fadrina erinnert sich, wie sie schwankte zwischen Angst und Erleichterung: Falls Fippo gefunden würde, wüsste sie wenigstens, dass er lebt und wohlauf ist. Jetzt nämlich hat sie ihn in Albträumen schon tot am Strassenrand liegen sehen, irgendwo in der Schweiz. Und gleichzeitig die Angst, dass er dann an seine Besitzerin übergeben würde und sie ihn vergessen müsste, noch mehr vergessen als jetzt schon. Fadrina konnte nichts tun, nur warten. Und in dieser Situation, das musste sie sich eingestehen, war ihr der blonde Riet wie ein Engel vorgekommen. Sie selber gilt noch immer als „Neue“ im Ort. Schon, inzwischen hat sie viele Leute kennengelernt, aber mehr als ein kurzes Gespräch über ihre verstorbene Nana oder einen Schwatz im Volg wurde nie daraus. „Du musst in einem Verein mitmachen, nur so hast du im Dorf eine Chance“, rieten ihre Freundinnen aus der Stadt im Unterland. „Mit meinen unregelmässigen Arbeitszeiten?“, gab Fadrina zurück, heimlich froh um diese Ausrede.

Als sie an diesem Abend nach Hause kommt, sitzt Riet schon vor der Haustüre, zwei Flaschen Malanser Blauburgunder in den Händen. Anscheinend kommt er direkt von der Arbeit, auf jeden Fall trägt er noch immer die Uniform.

„Gibt es etwas zu feiern?“
„Ja, vielleicht. Ziemlich sicher.“

„Ja oder nein?“
„Ich erzähle es dir, wenn wir im Haus sind. Falls du die Güte hättest, deinem Freund und Helfer die Türe zu öffnen.“

Sie lacht, schliesst die Tür auf, macht eine einladende Bewegung:

„Bitte sehr, Herr Kommissar, nach Ihnen.“ Er federt Richtung Küche, stellt die Flaschen auf den ausgekühlten Holzherd.

„Machs nicht so spannend!“, ruft Fadrina, während sie ihre Dienstjacke über den Arvenstuhl hängt.

„Erst den Wein“, sagt Riet betont langsam, holt seelenruhig zwei Gläser aus dem Schrank in der Stube, nimmt den Korkenzapfer aus der schiefen Küchenschublade, als würde er hier schon seit Jahren wohnen. Fadrina beobachtet fasziniert, wie er die Flasche entkorkt, ohne dass auch nur das allerkleinste ‚Plopp’ zu hören ist, und wie er einschenkt, die Hand auf dem Rücken wie ein galanter Kellner.

„Viva la Cumpania!“

„Viva!“

Die Gläser klirren beim Aufeinandertreffen, der Klang schwebt noch eine ganze Weile über dem Küchentisch.

„Erzähl!“

Riet betrachtet sie belustigt, lehnt sich zurück, stellt sein Glas in Zeitlupentempo auf den Tisch und holt dann aus: „Also, die Dame aus Soglio muss ein zweites Mal in die Reha-Klinik, diesmal wohl noch länger. Sie glaubt nicht mehr daran, dass Fippo je zurückkehren wird und hat quasi ihr Anrecht auf den Hund storniert. Rechtlich gesehen kann sie das eigentlich gar nicht, aber nun, in diesem Fall ...“

Fadrina hört mit offenem Mund zu.

„... In diesem Fall habe ich ihr gesagt, dass man da bestimmt etwas machen könnte.“

„Das heisst?“
Sie hält die Luft an.

Riet grinst von einem Ohr zum andern.

„Das heisst, dass du dich nun als Besitzerin von Fippo beim Einwohneramt eintragen lassen kannst. Seine Papiere sind hier“ – umständlich kramt er einen Impfausweis aus seiner Hosentasche und legt ihn auf den Tisch.

Fadrina nimmt den gelben Ausweis in die Hände, dreht ihn hin und her.

„Das heisst, ich kann ihn jetzt ganz legal suchen? Und, falls ich ihn finde, hier ebenso legal wohnen lassen? Ohne, dass du samt Kollege Caviezel auftauchst und ihn abführen willst?“
Riet nimmt einen grossen Schluck, grinst noch mehr. „Genau das heisst es!“

„Oh wow!“ – Als würde ihre Erstarrung von ihr abfallen, schiesst Fadrina vom Stuhl hoch, tanzt durch die ganze Küche, bis zur Stube und zurück, „Fippo gehört mir, mir, mir, yeah, das ist der beste Tag, seit ich hier oben wohne“, schreit sie und umarmt Riet spontan und so heftig, dass er sein Glas fallen lasst, es zerbirst auf dem Steinboden in unzählige Stücke. „Egal!“, flüstert sie ihm zu, „alles egal!“ Überrascht drückt er sie an sich, während sich der Wein in seine Uniformhose frisst und von den Fingern tropft. Ein herber Duft breitet sich in der Küche aus. Sie lacht, als sie es sieht, und kann nicht mehr damit aufhören, erst nach langen Minuten holt sie die Rolle mit Haushaltspapier.

Am liebsten würde sie sich sofort an ihr Notebook setzen und die Vermisstenanzeige vefassen. In Windeseile wischt sie die Scherben auf, gibt etwas Salz und Mineralwasser auf Riets Uniformhose. „He, was machst du ... –„ – „Alter Hausfrauentrick von meiner Nana“, erwidert sie ungerührt. Kurze Zeit später sitzen sie beide auf dem Sofa und schalten Anzeige um Anzeige auf sämtlichen Plattformen, bei denen man vermisste Tiere melden kann. „Endlich kann ich etwas tun, das Warten hat mich mürbe gemacht“, sagt Fadrina zufrieden, als der Drucker rattert und den Flyer ausspuckt, den ihre Eltern und ihre Freundinnen im Unterland grosszügig verteilen und aufhängen sollen. In der viel zu kurzen Zeit, als Fippo bei ihr wohnte, hat sie zum Glück über 100 Fotos von ihm gemacht.

Als Riet sich verabschiedet, hat der Fleck auf seiner Hose beinahe schon eine neutrale Farbe angenommen. Die Kirchenuhr schlägt einmal. „Oh, und ich habe morgen Frühdienst“, fällt es Fadrina ein. Riet grist: „Ich auch!“
„Buna not“, ruft sie ihm nach, und: „Grazcha fich“, vielen Dank. Er dreht sich im Laufen um, hält einen Moment inne, wirft ihr eine Kusshand zu und entschwindet dann in der hellen Sommernacht, seine blonden Haaren leuchten im Mondschein.

Wird Fadrinas Suchaktion sie zu ihrem geliebten Fippo bringen?

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